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Es traf mich im Schlaf. Am Donnerstag, dem 3. April 2003, in der Nacht, um ungefähr 2.30 Uhr riss in meinem Kopf die Innenwand der vorderen linken Hauptschlagader. Bis zur Diagnose ‚Schlaganfall’ sollten noch sechs Tage sowie drei Schlaganfälle vergehen. Während dieser Zeit konsultierte ich fünf Ärzte, eine Heilpraktikerin und eine Physiotherapeutin. Kein Warnsignal war vorausgegangen. Gesund und fröhlich war ich am Abend der besagten Nacht ins Bett gegangen und schlief tief, fest und traumlos bis zu ebendiesem Zeitpunkt des Aderrisses, der zu einem Wendepunkt in meinem Leben werden sollte. Gegen 2.30 Uhr wurde ich von einem lauten, dröhnenden Pumpgeräusch geweckt. Mein erster Gedanke war, dass die defekte Pumpe unserer Heizung nun vollends ihren Geist aufgegeben habe und die hallenden Pumpgeräusche über die Heizungsrohre laut im ganzen Haus verteile. Damit meine Familie nicht auch geweckt würde, machte ich mich auf den Weg in den Keller, um die Heizung auszuschalten. Auf dem Weg vom Dachgeschoss in den Keller wurde mir bewusst, dass das dröhnende Pumpgeräusch gar nicht von dort kam, sondern sich in meinem Kopf abspielte. Erschreckt und ziemlich beunruhigt legte ich mich wieder hin und diagnostizierte für mich einen Hörsturz. Ich beschloss, am folgenden Morgen direkt in die Praxis eines Hals- Nasen- Ohrenarztes zu gehen, um den ‚Hörsturz’ behandeln zu lassen. Bevor ich chronologisch weiterberichte, hier nun einige Angaben zu meiner Person: Zum Zeitpunkt des Schlaganfalls war ich 45 Jahre alt, 168 cm groß, wog 58 kg, war bzw. bin seit 24 Jahren verheiratet und habe zwei Söhne im Alter von 21 und 16 Jahren. Ich war gesund und hatte insbesondere keinen Bluthochdruck, der eine der häufigsten Ursachen eines Schlaganfalls ist. Mein Blutdruck war eher zu niedrig. Ich führte ein arbeitsreiches, bewegtes und interessantes Leben, in dem ich mich sehr wohl und ausgefüllt fühlte. Um mich fit zu halten und ausreichend frische Luft zu haben, joggte ich in der Regel dreimal wöchentlich. Meine Ernährung entsprach dem, was man ‚gesund’ nennen darf, und geraucht habe ich niemals. Nun wissen Sie rein formell, mit wem Sie es ab jetzt zu tun haben werden, und denken wahrscheinlich ebenso wie die konsultierten Ärzte: „Die kann gar keinen Schlaganfall bekommen, die ist viel zu jung, schlank und gesund!“ Eine verhängnisvolle Ansicht, wie sich zeigte. Chronologisch geht es folgendermaßen weiter. 1. Tag: Am frühen Donnerstagmorgen fuhr ich zu Praxisbeginn zum Hals- Nasen- Ohrenarzt und stellte an der Rezeption meine Beschwerden dar. Ich kam ins Wartezimmer und verbrachte dort einige qualvolle Stunden mit Warten. Während dieser Zeit bekam ich heftige Kopfschmerzen, die so stark wurden, dass sie mit Übelkeit und Schwindel einhergingen. Außerdem hatte ich das Gefühl, mein Erinnerungsvermögen schwinde mehr und mehr. Ich konnte mich an Daten, wie zum Beispiel mein Alter und Geburtsdatum, nur mit Mühe erinnern. Auch machte es mir zunehmend Schwierigkeiten, mich auszudrücken, da mir einige Worte einfach nicht einfielen. Sie waren aus meinem Wortschatz verschwunden. All diese Symptome teilte ich dem behandelnden Arzt mit, als ich endlich, nach mehrfacher Rückfrage und dem Hinweis, dass es mir sehr schlecht ginge, ins Behandlungszimmer kam. Nach einer umfassenden Untersuchung des Gehörs konnte der Arzt keinen Hörsturz diagnostizierten. Als ich um ein Mittel gegen den fast unerträglichen Kopfschmerz bat, bekam ich einen Novalgintropf verabreicht. Novalgin ist ein relativ starkes Schmerzmittel. Mit einem Kurzbericht für meinen Hausarzt und der Empfehlung einen Neurologen aufzusuchen, entließ mich der Arzt. In dem Kurzbericht des Hals- Nasen- Ohrenarztes standen meine geschilderten Beschwerden aufgelistet: „Pulsgeräusch im Ohr, heftige Kopfschmerzen mit Übelkeit, nicht ganz orientiert, Wortfindungsstörung“. 2. Tag: An diesem Tag, einem Freitag, ging ich ganz normal ins Büro und arbeitete, obwohl ich mich leicht schwindelig, benommen und unwohl fühlte. 3. Tag: An diesem Tag, dem Samstag, rief ich meinen Zahnarzt an. Dieser hatte mir während der vorangegangenen Woche eine Nervenwurzelfüllung gemacht und ich hatte die spontane Idee, dass diese Wurzelfüllung möglicherweise die Beschwerden verursachen könne. Mein Zahnarzt hörte sich das Beschwerdebild telefonisch an, glaubte jedoch nicht an einen Zusammenhang zwischen meinen Beschwerden und der von ihm vorgenommenen Nervenwurzelfüllung. Weil er diesen Zusammenhang jedoch auch nicht mit Sicherheit ausschließen konnte oder wollte, vereinbarten wir für den kommenden Montag einen Termin, um die Füllung vorsorglich wieder zu entfernen. 4. Tag: An diesem Sonntag hatten mein Mann und ich uns nachmittags mit Freunden zu einem Waldspaziergang in den Bergen des Tecklenburger Landes verabredet. Mir war zwar noch immer schwindelig und benommen sowie hörte ich nach wie vor meinen Pulsschlag im linken Ohr, ansonsten ging es mir jedoch recht gut. Also machten wir am Sonntagnachmittag eine Waldwanderung von gut zwei Stunden. Ich hatte das Gefühl, die Bewegung und die frische Luft täten mir recht gut. 5. Tag: Montags ging ich zunächst ins Büro und zwischendurch zum vereinbarten Zahnarztbesuch. Dort lag ich über eine Stunde im Behandlungsstuhl (Kopf nach unten) und ertrug die Entfernung der Wurzelfüllung. Nach dem Zahnarztbesuch ging es mir deutlich schlechter, so dass ich am frühen Nachmittag zu meinem Hausarzt fuhr und ihm den schriftlichen Befund des HNO vom Donnerstag vorlegte. Mein Hausarzt, der mich seit mehr als einem Jahrzehnt im wahrsten Sinne des Wortes von innen und außen kannte, riet mir, anhand der Schilderung meiner Symptome zu einem kurzfristigen Termin beim Neurologen. Er ließ durch sein Sekretariat für den kommenden Tag nachmittags um 14.00 Uhr einen Termin bei einem Neurologen in einer Nachbarstadt vereinbaren. Zu den bereits geschilderten Symptomen war in der Zwischenzeit ein weiteres hinzugekommen. Das Augenlid meines linken Auges hing zu diesem Zeitpunkt bereits hälftig herunter, das Auge ließ sich nicht mehr vollständig öffnen. 6. Tag: An diesem Dienstag, ging ich vormittags ins Büro, da ich ja erst am frühen Nachmittag den vereinbarten Neurologentermin hatte. Im Verlauf des Vormittags verschlechterte sich mein Zustand dann jedoch drastisch. Während einer Kundenberatung hörte ich zeitweise abwechselnd wie durch Watte oder so hohl und schallend wie in einer großen Halle. Mir fehlten zunehmend Worte, so dass ich kaum noch in der Lage war, einen kompletten Satz zu artikulieren. Mit dem linken Auge konnte ich plötzlich nur noch durch Schlieren sehen. Ich fühlte mich extrem benommen und schwindelig. Ich begriff Zusammenhänge nicht mehr bzw. Sätze, die man zu mir sprach. Zu 14.00 Uhr fuhr mein Vater mich zum Neurologen. Im Wartezimmer dieser Praxis sah ich auf die Zeitschriften und stellte mit großem Erschrecken fest, dass ich zwar die Buchstaben sehen und erkennen konnte, jedoch nicht in der Lage war, daraus Worte zu bilden. Die Buchstaben tanzten durcheinander und ergaben keinen Sinn bzw. kein Wort für mich. Ich konnte nicht mehr lesen. Der Schock ließ mir den kalten Schweiß aus allen Poren ausbrechen und mir wurde übel. Nach dem EEG (dem Messen der Hirnströme), schilderte ich dem Neurologen, so gut es mir zu diesem Zeitpunkt noch möglich war, mein bereits sehr umfassendes Beschwerdebild. Mein Vater unterstützte mich. Der Neurologe bescheinigte mir ein EEG, das in Ordnung sei, riet jedoch zu einem dringenden Untersuchungstermin zur Computertomographie, dem sogenannten CT bzw. dem MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie), das noch feinere Daten aufzeichnet, in der radiologischen Praxis eines Krankenhaus. Er bot an, dort anzurufen und mich anzukündigen. Als mein Vater und ich die Praxis verließen und im Treppenhaus standen, sackten mir plötzlich beide Beine komplett weg. Es war ein Gefühl, als ob meine Beine gar nicht mehr vorhanden seien, anders als bei einer Ohnmacht, bei der das Zusammensacken vom Kopf her kommt. Gott sei Dank konnte ich mich in einer Reflexbewegung mit beiden Händen am Treppengeländer festhalten, sonst wäre ich vermutlich das gesamte Treppenhaus hinabgestürzt. Mein Vater hielt mich fest und rief laut um Hilfe. Nun trug man mich zurück in die neurologische Praxis. |